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Presse-Artikel |
BRÜCKE-Beitrag am 6. Deutsch-Türkischen Psychiatrie-Kongress / Boğazici Universität Istanbul
Sehr geehrte Damen und Herren,
Im Rahmen des deutsch-türkischen Psychiatrie-Kongresses möchte ich als Vertreterin des Vereins DIE BRÜCKE auf das Thema: "Die Türkei – Ein Einwanderungsland" näher eingehen und mich auf diesem Wege für die Einladung bedanken.
Unsere Erfahrungen basieren auf unserer 17-jährigen Vereinsarbeit, und ich möchte versuchen, Ihnen ein Bild von unserem Verein und von dem Leben als Ausländer in der Türkei zu geben. Die Gruppe der deutschsprachigen Migranten umfasst sowohl die Deutschen, als auch die Österreicher und die Schweizer Bürger.
Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sind tief in der Geschichte der beiden Länder verwurzelt und umfassen von jeher politische, wirtschaftliche, kulturelle, pädagogische und individuelle Bereiche. Stets sind sie für beide Seiten gewinnbringend. Selbstverständlich treten auch durch die kulturellen Unterschiede der Menschen Probleme auf, die sich einfacher aus dem Weg räumen lassen, indem menschliche Beziehungen auf den unterschiedlichsten Ebenen zwischen zwei Ländern entstehen. Ein wandelbares Verhältnis von Deutschen und Türken zueinander ist deutlich von ihren Begegnungen und Erfahrungen geprägt.
Durch die Förderung von kulturellen und wirtschaftlichen Interessen leben inzwischen nicht nur viele Türken in Deutschland, sondern auch viele Deutsche in der Türkei. Beide Seiten versprechen sich im Gastland des Anderen bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, eine Erhöhung der Lebensqualität. Es hat sich inzwischen eine deutsche Kolonie gebildet und man schätzt jetzt die Zahl der dauerhaft in der Türkei lebenden Deutschsprachigen auf über 20.000.
Dazu gehören beruflich vorübergehend ansässige Entsandte deutscher Firmen, die Ehepartner türkischer Staatsangehöriger, Rückkehrer aus Deutschland mit deutscher Staatsangehörigkeit sowie Rentner – auch Dauerurlauber genannt -, letztere lassen sich grösstenteils an der Südküste in der Umgebung von Alanya nieder.
Auch wir haben damals unsere Heimat verlassen, um für eine unbestimmte Zeit in der Türkei zu leben. Wir verließen GEWOHNTES, um uns auf etwas NEUES einzulassen.
Die Anfangsphase ist sicher für viele schwierig und wir bauen auf die Unterstützung des Ehepartners, der zu unserer engsten Bezugsperson wird. (was uns auch ein stückweit abhängig von ihm macht). Die meisten unserer Ehepartner haben in irgend einer Weise einen westlichen Hintergrund und / oder sind mit unserer Kultur und Tradition soweit vertraut, dass sie Verständnis zeigen oder es zumindest dulden wenn z.B. mit Beginn der Adventszeit das erste Kerzchen brennt und zu Ostern die Wohnung mit bemalten Eiern geschmückt wird.
Im Gegensatz zu europäischen Familien herrscht bei den Türken noch ein sehr ausgeprägter Familiensinn vor und man lebt mehr mit und in der Grossfamilie. Diese Art des Zusammenlebens kann die Integration erleichtern, wird von uns jedoch leicht als eine unangenehme Einmischung in die Privatsphäre aufgefasst. Dennoch kann man sagen, dass die liebevolle Aufnahme in die Familie und das entgegengebrachte Verständnis uns das Einleben in der fremden Umgebung erleichtert. Das gleiche gilt im Freundes- und Bekanntenkreis. Eine angebotene Hilfsbereitschaft ist ehrlich gemeint und es kann beleidigend wirken, diese nicht anzunehmen.
Im Allgemeinen wird uns eine grosse Portion Spontanität abverlangt, denn der Türke steckt voller Überraschungen. Freundschaften und Bekanntschaften werden schnell geschlossen. Es ist jedoch für uns anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, dass diese Art von Freundschaft zwar gut gemeint, aber meist sehr oberflächlich ist.
Dann in der zweiten Phase beginnen wir mit eigenen Entdeckungen. Erste Kontakte und Freundschaften ausserhalb des Hauses werden geschlossen, es beginnt vielleicht „nur“ mit ein paar warmen Worten, die wir mit dem Nachbarn tauschen oder mit dem Bakkal (Tante Emmaladen) gleich um die Ecke, wo man jeden Tag mit einem Lächeln begrüßt wird. Auch Schulen, Kindergruppen, Vereine und Gemeinden sind meist die ersten Anlaufstellen und Kontaktgruppen. Wir lernen ein paar Worte Türkisch, um uns wenigstens einigermaßen durchschlagen zu können und auf dem Markt wie die Türken zu feilschen. In diesen ersten Begegnungen wird uns auch schon bewusst, dass sich die Kulturen doch erheblich unterscheiden. Es sind Kleinigkeiten, Gesten, die verstanden und gelernt werden müssen. Entgegen unserer westlichen Erziehung, den Mitmenschen offen und freundlich zu begegnen, herrscht in Istanbul eine enorme Hierarchie, in der genau festgelegt ist, wer wem Weisungen erteilen kann und wie diese auszusehen haben. Wer als Frau zum Beispiel einen fremden Türken aus reiner Freundlichkeit anlächelt, kann sehr schnell falsch interpretiert werden. Doch mit der Zeit entwickeln auch wir das Gespür, wie man mit den Menschen aus den verschiedenen Schichten umgeht, ohne arrogant oder abweisend zu wirken.
Stellvertretend für viele deutsche Fauen hier, schrieb Sabine:
“Ich bin Deutsche, 50 Jahre alt und mit einem Türken verheiratet. Seit 12 Jahren leben wir in Istanbul und ich habe das grosse Glück, in einem Familien- und Bekanntenkreis aufzuwachsen, der mich akzeptiert und schätzt, wie ich bin. Ich kann meine Werte, meine Kultur und die mir bekannte Tradition leben und das gibt mir Halt. Ich hatte nie das Gefühl, meine Identität aufgeben zu müssen. Dadurch fällt es mir nicht schwer, mich hier als deutsche Schwiegertochter in der türkischen Gesellschaft verschiedenen Situationen im Alltag bis zu einem bestimmten Grad anzupassen. Ich habe keine Schwierigkeiten, mich auf neue Situationen einzulassen, Neues zu entdecken, neue Erfahrungen zu machen. Ich weiß, wo “meine Wurzeln sind”, das stärkt mich.
Von unseren „neuen Freunden“ werden wir akzeptiert und sind in der Gesellschaft integriert. Wahrscheinlich mehr als die meisten Türken in Deutschland. Woran liegt es? Ist der Türke den Ausländern gegenüber toleranter und aufgeschlossener? Liegt es daran, dass wir offener auf Neues zugehen, den Willen haben, die fremde Kultur zu verstehen? Im Gegensatz zu den Problemen der Türken in der deutschen Gesellschaft, wo eine gewisse Ignoranz und Intoleranz dem Fremden gegenüber herrscht, werden wir hier von den Türken mit offenen Armen empfangen.
Und bald gehören auch wir zu den „alten Hasen“. Wir sind selbständig und managen unser Leben so, als sei es nie anders gewesen. Wir beginnen, Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen sinnvoll einzusetzen und auszuleben. Wir beginnen, die neue Lebensart zu genießen.
Gedanken eines unserer Mitglieder:
Seit über 30 Jahren bin ich in der Türkei. Sehr schnell lernte ich die türkische Sprache, lernte Sitten und Gebräuche kennen und hatte weder in der Familie, noch im Umgang mit Freunden und Bekannten Schwierigkeiten. Nach einigen Jahren hatte ich das Gefühl, genau so wie eine Türkin zu sein. Wie schön war es doch, wenn man mir sagte: „Wie gut du türkisch sprichst“ oder auch „ du bist türkischer als ein Türke“. Fast hätte ich daran geglaubt, doch irgend wann kam ein Punkt – ich bekam Sehnsucht nach Deutschland und nach dem „Deutsch sein“. Hatte ich schon zu viel von meiner Persönlichkeit abgelegt? War das, was man Bereicherung nennt, doch nicht so positiv, wie es mir vorkam? So gab es eine Zeit, in der ich mich gespalten fühlte, als sei mein Platz irgend wo zwischen den Grenzen. Bis ich dann doch meine neue Identität akzeptierte und aus der Erfahrung mit beiden Kulturen leben zu können, mein eigenes „Ich“ formen konnte. Heute kann ich damit gut leben – heute bin ich mir des Vorteils bewusst, von beiden Seiten das Gute wählen zu können.“
Die eigene Identität besteht aus einem unveränderlichen Kern, der in der Kindheit geprägt wurde. Diese wird durch Heirat, Umzug in eine neue Umgebung und die damit verbundenen neuen Lebensbedingungen im Gastland unseres Partners bereichert.
Die Schwierigkeiten, die uns Ausländern hier zu schaffen machen, sind vordergründig Probleme bezüglich des Aufenthalts- und Arbeitsrechts für Ausländer. Wir fühlten uns gezwungen, eine offizielle Stelle einzurichten, um in diesen Belangen tätig werden zu können. Zu Beginn der 90er Jahre gründeten wir den Verein “DIE BRÜCKE”. Wie der Name schon sagt, möchten wir eine Brücke zwischen Nationen und Kulturen sein, möchten Wege zur Verständigung ebnen und den Austausch der Kulturen fördern.
Unser Ziel ist es, den deutschsprachigen Migranten in den verschiedenen Phasen das Einleben in der fremden Umgebung zu vereinfachen. Dazu gehört u.a. die Zusammenführung Deutschsprachiger, Informationsvermittlung, Bildung einer deutsch-türkischen Lobby, Einrichtung von Interessengruppen, Informationen zur binationalen und bikulturellen Erziehung, Verbesserung der aufenthalts- und arbeitsrechtlichen Bestimmungen für Ausländer in der Türkei. Weiter verstehen wir uns als Ratgeber für unsere Mitglieder und als Vermittler zu den zuständigen Behörden und Institutionen.
Unsere Aktivitäten:
Aufbau eines aktiven
Netzwerkes innerhalb der Türkei, Durchführung kultureller
Veranstaltungen und gemeinsames Feiern von traditionellen Festen
sowie die Unterstütztung von sozialen und karikativen Projekten.
Informatives
Seit 1990 erstellen wir ein monatliches Mitteilungsblatt, den INFOBRIEF und versenden diesen derzeit an ca. 700 Interessenten, die in erster Linie in Istanbul, aber auch in der ganzen Türkei und im Ausland leben, sowie an offizielle Institutionen beider Länder. Der Infobrief stellt eine unabhängige Informationsquelle dar, man findet immer wieder nützliche Alltagstipps, Hinweise zu Veranstaltungen und Ereignissen sowie wichtige Gesetzesänderungen. Ebenfalls geben wir jährlich einen Terminkalender heraus, der u.a. Anschriften von offiziellen deutschen Vertretungen, deutschsprachigen Ärzten und Schulen enthält und auf weitere nützliche Adressen/Kontakte hinweist.
Ich möchte meinen Vortrag mit
dem Wunsch abschliessen, dass jeder in der neuen Heimat, sei es der
Türke in Deutschland oder der Deutsche in der Türkei, seinen Weg so
ebnen kann, dass er ohne den Verlust des eigenen Ichs die
Bereicherung des Fremden erkennt und seinem Leben einen für ihn
sicheren Weg ermöglichen kann.
Wir haben die ersten Schritte auf diesem Weg getan, wir haben eine
BRÜCKE gebaut - Für dich und für mich, für unsere Kinder und deren
Zukunft, für alle diejenigen, die sich entschließen, die Türkei zu
einem Stück Heimat zu machen.
Vielen Dank.
Corina Bilhan,
Vorstandsmitglied
Nachwort: An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich bei
Claudia Yılmaz für die Unterstützung für diesen Vortrag bedanken,
ebenso bei unseren Mitgliedern, die mir mit ihren Gedanken eine
wichtige Stütze für den Vortrag waren.